Predigt am 1. Weihnachtstag in St. Marien, in St. Marien, Gera -Untermhaus.

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Der Zauber der Weihnacht ist dieses Staunen. Das Kind in der Krippe, vor dem sich die Weisheit verbeugt. Aus dem, was wir schon immer geahnt haben, wird ein Leben, praktisch und klar, verzweigt und vielfältig. Aus dem Lied wird die Geschichte, von einem Menschen, der über die Erde ging. Und über diesem Leben, dass wir ein Leben lang ansehen, in dem wir unser Leben lang unterwegs sind, werden wir selbst, wenn Gott es schenkt, zu einem Lied.


Gnade und Friede von dem, der da war und der ist und der kommt, sei mit euch allen!

1. EIN ZAUBERSPRUCH
Liebe Gemeinde,
der Predigttext des Christtags ist ein Zauberspruch.
Und ich meine nicht den Zauber der Weihnacht,
sondern echte mittelalterliche Liebeszauber.
Liebeszauber und viele andere Beschwörungen
gegen Würmer, Pferdekrankheiten und Hagelstürme.
Die meisten dieser Zaubersprüche fingen mit unserem Predigttext an.
Dann folgte ein Text wie der,
den ich Ihnen gleich vorlese;
und dann zur Sicherheit noch ein Vaterunser hinterher.
Unser Predigttext war der Anfang,
gleichsam das Präludium vieler magischer Formeln,
z.B. dieses althochdeutschen Spruches aus dem 15. Jahrhundert, der eine Frau einfangen sollte:
Ich waiß nit wo du bist,
so schick ich dir unsern lieben herren Jhesu Crist, das er dir verkund und verbiett
und dich wol behüt
das du mit kaim andern man
nie mugest zu schicken han
die weil du lebst dan on mich allain. Das verbiett dir der man,
der tod und marter an dem hailigen crutz nam, das ich dir als lieb mus sein. Ich hoffe, Sie stimmen mir zu:
Das ist Atem beraubend!
Der Versuch, eine Frau zu bezaubern,
mit Bezug auf die Leiden Christi am Kreuz. –
Beide Male handelt es sich um das Leiden der Liebe,
das stimmt schon.
Aber das eine Mal will ich die Liebe manipulieren -für meinen eigenen Zweck. Das andere Mal handelt es sich um die selbstloseste aller Lieben.

Trotzdem: Bei der Gelegenheit gefragt:
Wie ist eigentlich das Verhältnis
zwischen der göttlichen Liebe
und der menschlichen,
zwischen der menschlichen Weisheit und der göttlichen Wahrheit,
zwischen dem, was wir als gut und richtig
und im Alltag erprobt ansehen
und dem was im göttlichen Licht als Wahrheit erscheint?

Mit diesen Gedanken sind wir beim Anfang des Johannesevangeliums, der unser Predigttext ist und den wir schon als Evangeliumslesung gehört haben:
[Joh, 1, 1-5, 9-14, Luther, rev. 1964] Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

2. DAS WORT
Am Anfang war das Wort.
Und das Wort war bei Gott.
Und Gott war das Wort.

Was für eine Hochschätzung des Wortes!
Das Wort als Gott und als Gefährtin Gottes.
Kein Wunder, das das geradezu eine Vorlage für Zaubersprüche war. Das Wort ist göttlich und mächtig.
Und daraus folgt:
Mit dem Wort kann man herrschen.
Das Wort bewegt Dinge.
Es verändert die feinen Bande der Liebe.
Es heilt Pferde und Kühe
und schützt vor bösen Würmern.
Das richtige Wort gemurmelt
und schon sammelt sich
der innere Magnetismus der Dinge
und bewegt sie auf magische Weise hin und her.

3. DIE POESIE
Und vielleicht kennen Sie auch
das berühmte Gedicht von Eichendorf:

Da sind wir bei der Poesie.
Denn wir können es auch fühlen,
Es schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort. Und die Welt fängt an zu klingen, triffst Du nur das Zauberwort.
das Lied in den Dingen,
die heimliche Vernunft in den Blumen
und in den Steinen und den Hügeln,
in der Art,
wie sich alles zu einer Landschaft zusammen fügt und vor allem in der Art und Weise,
wie unser Inneres widerklingt,
wie wir selbst für dieses Lied empfänglich sind, wie es, mutig gesagt,
auch in uns ist, das Lied in allen Dingen.

4. DAS WEISHEITSLIED
Wie ist das im Johannesprolog gemeint,
unserem Predigttext?
Was ist das Wort,
das bei Gott ist und auch wie Gott ist?
Auch unser Predigttext ist ein Lied.
Es heißt “Weisheitslied”.
Und es ist älter als Jesus Christus.
So wie das Lied in allen Dingen,
gab es auch das Lied von der Weisheit,
die bei Gott ist, vor dem Johannesevangelium.
Als Johannes sein Evangelium schrieb,
fing er damit an.
Er fing mit einem alten Lied an.
Sein Evangelium sollte eine Verbindung haben
zu den Liedern vor seinem Lied,
zu der Weisheit vor seiner Weisheit.
Sein Evangelium sollte die Fortsetzung sein
von den älteren Weisheitsliedern.
Und er nahm das Lied und veränderte es.
Er war der Meinung,
dass die Weisheit, die bei Gott ist,
uns nun bekannt geworden ist.
Sie verließ Gott, um uns zu besuchen.
Das Lied in allen Dingen hörte auf ein Lied zu sein und wurde ein Mensch.
“Das Wort wurde Fleisch”, sagt Johannes drastisch. Wir konnte ihn bisher schon spüren,
den Zauber der Natur,
und dass da irgendetwas ist,
das mit uns zusammenstimmt,
in uns echot und widerhallt.
Das Lied in allen Dingen wurde Mensch.
Was für ein wunderbarer Gedanke!

5. DER ZAUBERER
Aber was war das für ein Mensch? War es ein Zauberer,

jemand, der die Dinge verändern konnte
mit einem Spruch mit dem richtigen Wort.
Denken wir an Jesus.
Er konnte das.
Ein Wort – und Lahme gingen,
ein Wort – und Blinde sahen,
ein Wort – und der Tod floh vor seiner Stimme.
Jesus war gewiss ein Zauberer.
Aber das Wort scheint trotzdem nicht zu passen.
Warum nicht?
Weil der Zauberer zaubert ohne Gott.
Er ist jemand, der die Dinge manipulieren kann.
Das haben übrigens die echten Zauberer mit den Trickkünstlern gemein. Egal ob das Kaninchen aus einem Geheimfach kommt
oder aus dem Nichts.
Zauberer arbeiten mit eigener Kraft und mit eigenem Willen.
Unser Wort dagegen,
das bei Gott war und von ihm ausging,
weil es zu uns kommen wollte,
unser Wort ist einig mit den Dingen,
einig mit, dem, der alle Dinge gemacht hat.
Es ist Licht, Liebe, Leben.

Was passiert, wenn es auf uns zu kommt,
wenn es Fleisch wird, wie Johannes schreibt.
Blinde sehen, Lahme gehen.
Das war so.
Aber was passiert danach,
Wird der Heiler ein König,
gewinnt er die Herzen im Fluge.
Macht er die Welt wieder in Ordnung?
6. DIE UNORDNUNG
Nein, seltsamer Weise nicht.
Das Licht scheint zwar in der Finsternis.
aber die Finsternis wurde dadurch nicht erhellt. Er kam in sein Eigentum.
Aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Er war das alte Lied,
das wir schon in den Dingen gehört hatten, dessen Melodie wir hörten,
bevor wir einschliefen
und als wir noch Kinder waren.
Aber als das Lied Fleisch wurde,
erkannten wir es nicht wieder.
Es war uns zu nahe.
Nur wenige haben es wiedererkannt.
Die wurden Kinder Gottes.

Die sind von Gott geboren.
Sie sind selber Fleisch geworden. Säuglinge des Lichts,
Kinder der Wahrheit,
Klänge des ewigen Liedes,
das noch immer in den Dingen schläft

7. DAS LIED DES JOHANNES
Wäre uns das Fleisch gewordene Wort auch zu nahe gewesen.
Oder hätten wir es wiedererkannt?
Wären wir Kinder Gottes geworden und Kinder des Lichtes?
Wir können diese Frage nur stellen,
weil Johannes sein Lied geschrieben hat.
Er hat das Fleisch gewordene Wort
mit seinem eigenen Lied dargestellt.
Mit seinem Evangelium
und mit dem Eingangslied seines Evangeliums,
dem Johannesprolog.

Weil wir dieses Lied hören können,
wissen wir von dem Fleisch gewordenen Lied.
Es erzählt von einem einzelnen Leben,
einem Leben, das Heil und Heilung brachte,
einem Leben, das Wunden heilte,
aber auch selbst Wunden erhielt.
Einem Leben, das mehr durcheinander brachte,
als es zusammen fügte.
Ein Leben, das in einer Krippe begann,
über der ein Stern leuchtete.
Ein Leben,
über dem die Sonne sich verdunkelte,
als es auslöschte.
Ein Leben, das die Felsen zum Trauern brachte,
als es zu Ende ging, so dass sie zerrissen,
ein Leben, das mit zwei Fischen und fünf Broten 5.000 Mägen füllte. wir können in Johannes Lied umher gehen
und können staunend betrachten,
was das Lied in allen Dingen tat,
als es Mensch wurde.

8. DIE WEIHNACHT
Der Zauber der Weihnacht ist dieses Staunen. Das Kind in der Krippe,
vor dem sich die Weisheit verbeugt.
Aus dem, was wir schon immer geahnt haben, wird ein Leben,
praktisch und klar,
verzweigt und vielfältig.
Aus dem Lied wird die Geschichte,

von einem Menschen, der über die Erde ging. Und über diesem Leben,
dass wir ein Leben lang ansehen,
in dem wir unser Leben lang unterwegs sind, werden wir selbst,
wenn Gott es schenkt, zu einem Lied.
Amen.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre euere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).