Predigt am Sonntag Sexagesimae im Lutherhaus, Gera-Untermhaus.

with Keine Kommentare

Was hier erzählt wird, ist ein entscheidender Schritt. Der Übertritt des jungen Christentums nach Europa. Der erste Mensch, der in Europa Christ wird. Es ist eine Frau, wie ja auch Maria Magadalena die erste Apostelin war. Die erste Gemeinde in Europa, eine Hausgemeinde bei der Purpurkrämerin Lydia. Historisch gesehen ein großer Moment, erzählerisch ein ganz schönes Durcheinander. Phrygien, Galatien, Mysien, Troas – alles Fehlschläge, Predigt, die nicht gesegnet ist, keine Gemeindegründungen, zahlreiche Hindernisse, so klein und alltäglich – und damit ärgerlich, dass sie gar nicht erzählt werden. Summarisch betrachtet konnte man sagen: Nichts klappte! Dann muss der Heilige Geist wohl dagegen sein. Eine Art Entscheidungsstau, ein perspektivloses Brüten. Unangenehm zieht sich dir Zeit hin, klebrig, ergebnislos, ziellos. Dann das Nachtgesicht des Paulus. Ein Traum. Ein Mann im Traum, ein Mazedonier. Sieht das Paulus an der Tracht? Oder merkt er es an der Sprache? Keine Ahnung. Ein Europäer jedenfalls. Wir müssen übersetzen nach Europa. Ein kleiner Schritt für ein paar Missionare, ein großer Schritt für die Christenheit. Dann geht alles ganz schnell. Samothrake, Übernachtung, Neapolis, Philippi. Gut ein Tag und die Gruppe ist in der fremden Stadt. Sie ist so fremd, dass sie gar nicht wissen, wo die Synagoge liegt. Meistens liegen die nahe am Fluss wegen den rituellen Waschungen. So gehen sie am Fluss entlang und treffen ein paar Frauen.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christi
und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft Heiligen Geistes sei mit uns allen.

page1image3017202416

 

1. LANDKARTEN
Liebe Gemeinde,
wenn wir unsere alten Konfirmationsbibeln ganz hinten aufschlagen,
finden wir ein paar Seiten, die ganz anders sind als der Rest.
Keine Blätter mehr, die dicht mit Worten bedeckt sind, sondern Bilder: Landkarten. Vielleicht sind Sie auch gern in der Christenlehre
oder im Religionsunterricht drauf herum gereist.
Mit dem Finger durchs Mittelmeer, zu den Inseln
und durch die Meerenge vor Sizilien nach Rom,
an den drei Zipfeln Griechenlands vorbei.
Oder der winzige blaue Klecks in Israel: See Genezareth.
Warum war der nicht viel größer?
Die wichtigsten Geschichten spielten dort.
Das Meer kam nur ganz selten vor,
zum Beispiel bei Jona, aber es war riesig groß und nahm die Mitte der Landkarte ein.„Die Reisen des Apostels Paulus“ hieß eine der Karten.

Feine blaue und rote Linien überzogen systematisch den ganzen Landraum und auch die See, das mittelländische Meer.
Dieser Mann hatte offenbar die ganze Karte abgegrast
und war überall hin gezogen, wo kleine Orte waren.

Womöglich hatte er einen „Masterplan“, wie man heute gerne sagt, einen Plan der Pläne, der ein Großbaustelle
zu einem sicheren und gewollten Ende führt.

Die Großbaustelle heißt Mission
der ganzen damals bekannten Welt, der Ökumene.
Aber was im Nachhinein so genial geplant aussah,
war im Kleinen und Alltäglichen ein ganz schönes Gefrickel.
Davon berichtet unser Predigttext, der im 16. Kapitel der Apostelgeschichte steht:

2. DER PREDIGTTEXT

Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da Ihnen vom Heiligen Geist gewehrt ward,
zu reden das Wort in der Landschaft Asien.
Als sie aber kamen bis nach Mysien,

versuchten sie nach Bithynien zu reisen,
und der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.
Da zogen sie an Mysien vorüber und kamen hinab nach Troas. Und dem Paulus erschien ein Gesicht bei der Nacht;
das war ein Mann aus Mazedonien,
der stand da und bat ihn und sprach:
Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
Als er aber das Gesicht gesehen hatte,
da trachteten wir alsbald zu reisen nach Mazedonien,
gewiss, dass uns Gott dahin berufen hätte,
ihnen das Evangelium zu predigen.

Da fuhren wir aus von Troas;
und geradewegs kamen wir nach Samothrake,
des anderen Tags nach Neapolis und von da nach Philippi,
welches ist die Hauptstadt dieses Teils von Mazedonien und eine römische Kolonie. Wir blieben aber in dieser Satdt etliche Tage.
Am Tage des Sabbats gingen wir hinaus vor die Stadt an das Wasser,
wo wir dachten, dass man pflegte zu beten
und setzten uns und redeten zu den Frauen, die da zusammenkamen.
Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia,
eine Purpurkrämerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu;
dieser tat der Herr das Herz auf,
dass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet ward.
Als sie aber mit ihrem Hause getauft ward,
bat sie uns und sprach:
Wenn ihr mich achtet, dass ich gläubig bin an dem Herrn,
so kommt in mein Haus und bleibet allda.
Und sie nötigte uns.
[Apg 16, (6-8) 9-15]

3. EUROPA
Was hier erzählt wird, ist ein entscheidender Schritt.
Der Übertritt des jungen Christentums nach Europa.
Der erste Mensch, der in Europa Christ wird.
Es ist eine Frau, wie ja auch Maria Magadalena die erste Apostelin war.
Die erste Gemeinde in Europa, eine Hausgemeinde bei der Purpurkrämerin Lydia. Historisch gesehen ein großer Moment, erzählerisch ein ganz schönes Durcheinander. Phrygien, Galatien, Mysien, Troas – alles Fehlschläge,

Predigt, die nicht gesegnet ist, keine Gemeindegründungen,
zahlreiche Hindernisse, so klein und alltäglich – und damit ärgerlich,
dass sie gar nicht erzählt werden.
Summarisch betrachtet konnte man sagen: Nichts klappte!
Dann muss der Heilige Geist wohl dagegen sein.
Eine Art Entscheidungsstau, ein perspektivloses Brüten.
Unangenehm zieht sich dir Zeit hin, klebrig, ergebnislos, ziellos.
Dann das Nachtgesicht des Paulus. Ein Traum.
Ein Mann im Traum, ein Mazedonier.
Sieht das Paulus an der Tracht?
Oder merkt er es an der Sprache?
Keine Ahnung.
Ein Europäer jedenfalls.
Wir müssen übersetzen nach Europa.
Ein kleiner Schritt für ein paar Missionare,
ein großer Schritt für die Christenheit.
Dann geht alles ganz schnell.
Samothrake, Übernachtung, Neapolis, Philippi.
Gut ein Tag und die Gruppe ist in der fremden Stadt.
Sie ist so fremd, dass sie gar nicht wissen,
wo die Synagoge liegt.
Meistens liegen die nahe am Fluss
wegen den rituellen Waschungen.
So gehen sie am Fluss entlang
und treffen ein paar Frauen.
Waschen sie da?
Oder beten sie unter freiem Himmel?
Ein Synagogen-Gottesdienst braucht 10 Männer.
Damals. Heute immer noch.
Daher kann dieser Gebetsort keine Synagoge sein.
Lydia ist eine Gottesfürchtige.
Das heißt eine zum Judentum übergetretene Frau,
eine Proselytin.
Proselyten hatten nicht die vollen Rechte der Religionsgemeinschaft. Deswegen gehörten viele Proselyten des Judentums zu den ersten Christen. Auf dem Weg zur Synagoge platzen die Missionare
in eine Gruppe betender Frauen, und eine bekehrt sich.
Nicht weil sie sofort überzeugt wäre,
sondern, das wird extra betont,
weil Gott selbst ihr das Herz auftat.
Darauf wird sie getauft
mit ihrem ganzen Haus.
Und das ist ein guter Anfang,
denn Purpurhandel ist ein einträgliches Geschäft.
Und auch die Einladung ins Haus der Lydia
lässt ahnen, dass es entsprechend groß ist.
Lydia ist eine reiche Frau.
sie stammt aus Lydien,

wie ihr Name schon sagt.
Die Ortschaft Thyatira liegt dort
und war für ihre Purpurindustrie bekannt.
Und Lydien ist nicht Europa.
Eine Fremde ist in Philippi die erste Christin.
Die fremden Missionare gewinnen zuerst eine Fremde.
Eine Fremde, die schon erste Wurzeln in Europa geschlagen hat, ist der Brückenkopf des Christentums in Europa.
Die erste europäische Christin ist eine Türkin.
..
Seltsame Wege geht das Evangelium.

4. STOCKEN UND FLIESSEN
Wie sollen wir sie erkennen?
Das ist das Thema des heutigen Sonntags.
Wie verschlungen sind Gottes Wille und der unsrige?
Wie sensibel und manchmal vertrackt liegen sie ineinander?
Wenn wir die Karte mit den Missionsreisen des Paulus ansehen,
hat er den ganzen Mittelmeerraum systematisch bereist.
Wenn wir die Apostelgeschichte lesen und seine Briefe,
ist es eine Geschichte der menschlichen Ratlosigkeit und der göttlichen Führung. Immer wieder sagt der Heilige Geist:
„Hier geht es lang! Dorthin müsst ihr gehen!! – Und die Reise geht los.
Dann weder geschieht nichts
außer Pleiten, Pech und Pannen.
Hatte Paulus einen heißen Draht zu Gott?
Offenbar nicht.
Sonst hätte er die unproduktiven Zeiten gar nicht kennen gelernt.
Aber in der Apostelgeschichte geht es zu
wie in unserem Leben.
Manchmal geht es vorwärts und alles geht von selbst.
Dann wieder wissen wir lange nicht,
was wir tun sollen.
Unser Lebensstil hat mal gepasst.
Aber jetzt ist irgendetwas falsch.
Es ist klar, wir müssen etwas verändern.
Nur was?
Alles scheint gut geordnet.
Nichts fehlt.
Und doch schmeckt das Leben
nicht mehr nach frischem Brot und Quellwasser,
sondern nach dem Brot vom Vortag
und der Mineralwasserflasche,
die über Nacht offen stand.

5. SICH FÜHREN LASSEN
Meldet sich der Heilige Geist dann auch bei uns? Wenn wir lange genug das zähe Warten aushalten, kommt er dann von alleine?

Ja und nein.
Wer den Wunsch nach Veränderung hat
und sein schal gewordenes Leben immer vor Augen hat.
Wer darüber meditiert, was falsch ist
und wie ein neuer Weg gefunden werden kann,
dem schenkt Gott manchmal einen Aufschluss.
Oder es passiert etwas.
Alles kommt durcheinander.
Und beim Wieder zusammen setzen,
ergibt sich die Lösung.
Ich glaube, dass Gott den Menschen,
die aufrichtig suchen, oft eine Veränderung schenkt

Bei Paulus ist es anders.
Er weiß, dass er ins Gebet gehen muss,
wenn sich seine Wege verlieren
und jeder Schritt nach vorn mehr Unklarheit bringt.
Phrygien, Galatien, Mysien, Troas – alles geht schief.
Das ist ihm Anlass, darüber zu meditieren, wie es weiter gehen muss.
Er betet, aber er erhält keine Antwort.
Manchmal denke ich,
zu den Leuten in der Bibel hätte Gott direkt gesprochen.
Und sie hätten dann unbezweifelbar Bescheid gemusst, was sie tun sollten. Aber das stimmt offenbar nicht.
Das trübe Warten vor den Toren Europas
hat auch Paulus depressiv gemacht.
Es ging nicht um „Europa oder nicht?“
Er stand vor keiner Alternative.
Es klappte nur alles nicht mehr,
was vorher gut geklappt hatte.
Das betrachtete er als Wirken des Heiligen Geistes.
Wenn alles nicht mehr geht,
dann soll ich etwas Neues tun.
„Was ist es, Herr?“, so hat er gebetet
und er erhielt keine Antwort.
Möglicherweise fing er an,
an seiner Weltreise zu zweifeln.
Er hatte ja nicht wie wir eine Karte:
„Die Missionsreisen des Paulus“.
die Karte wurde erst hinterher gezeichnet.
Wir wissen nicht einmal,
ob sie in jedem Detail stimmt.
Paulus saß vor Bithynien fest
und nichts ging mehr.
Dann kam der Traum.
Der Mann aus Mazedonien.
Das war das Ziel.
Und es ging los.

Und dann ging alles schnell
und ging wieder von der Hand.
Nur dass es kein Mann war,
den sie in Mazedonien trafen,
sondern zwei Frauen,
die reiche Lydia und eine Sklavin mit einem prophetischen Geist,
wovon die nächste Geschichte berichtet.

Mit Gott Kontakt haben,
das ist niemals so leicht,
wie wir es in Zeiten der Telekommunikation inzwischen gewohnt sind. Immer online sein, mit Gott verbunden.
Ein WhatsApp schicken und am kleinen grauen Doppelhaken sehen,
dass der andere gelesen hat.
So einfach, so technisch geht es nicht.
Wir brauchen eine Kultur des Ahnens und des Spürens.
Wir müssen lernen,
uns nach Gott auszustrecken,
seine Zeichen zu lesen,
auf unsere Träume zu achten.
Dann werden wir ihm nicht ferner sein als Paulus,
denn Gott ist uns Menschen zu allen Zeiten gleich nah.
In kleinen, oft unsicheren Schritten wanderte Paulus durch seine alte Welt. Und zum Schluss hat er die ganze bewohnte Welt abgeschritten
und kam immer dorthin, wo die Zeit gerade reif war.
Er ließ sich von Gott führen
und verstand Erfolge und Misserfolge als Wirken des Heiligen Geistes.
Er lernte, nicht zu wollen, sondern sich führen zu lassen.

Auch was eine Zeit lang sehr verwirrend aussieht,
kann am Schluss eine Landkarte sein:
„Unser Leben vor Gott“.
Mit blauen und roten Linien,
gestrichelt und gepunktet,
sehr verwirrend im einzelnen,
aber sieht man aufs Ganze, ist es perfekt:
Der ganze Lebensraum abgeschritten,
Höhen und Tiefen, Berge und Meere,
auf den Flüssen gereist und durch dunkle Höhlen gekrochen,
das Leben gelebt,
und Gott fährt mit den Fingern auf der Landkarte unseres Lebens
und freut sich über sein Werk.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen