Predigt zu Jesaja 11, 1-9 in der Christvesper in St. Marien, Gera -Untermhaus.

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Wir hatten im Wald einen umgestürzten Baum gesehen. Und er war entsetzt, dass ein Baum auf der Erde liegen konnte. Dieser mächtige, in den Himmel ragende Turm konnte nicht auf der Erde liegen, fand mein Sohn. Meine Erklärungen liefen völlig ins Leere. Der ist wahrscheinlich gefällt worden. Den hat vielleicht der Sturm umgeweht. Der war vielleicht krank. Er schüttelte nur unwillig den Kopf. „Warum ist der um gefallen?“, wiederholte er hartnäckig mit der festen Überzeugung, Bäume dürfen eigentlich nicht umfallen. Dass ein umgefallener Baum ein solcher Skandal sein kann für eine Seele, die neu ist der Welt, hatte ich vergessen.


Gnade und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt, sei mit euch allen.

1. DIE KETTENSÄGE
Liebe Gemeinde,
es war vor vielen Jahren,
da hat ich mein Sohn zu Weihnachten eine Kettensäge gewünscht.
Er hatte sich im Kindergarten geärgert.

Aber das war nicht der Grund.
Wir hatten im Wald einen umgestürzten Baum gesehen.
Und er war entsetzt, dass ein Baum auf der Erde liegen konnte.
Dieser mächtige, in den Himmel ragende Turm
konnte nicht auf der Erde liegen, fand mein Sohn.
Meine Erklärungen liefen völlig ins Leere.
Der ist wahrscheinlich gefällt worden.
Den hat vielleicht der Sturm umgeweht.
Der war vielleicht krank.
Er schüttelte nur unwillig den Kopf.
„Warum ist der um gefallen?“, wiederholte er hartnäckig
mit der festen Überzeugung,
Bäume dürfen eigentlich nicht umfallen.
Dass ein umgefallener Baum ein solcher Skandal sein kann
für eine Seele, die neu ist der Welt,
hatte ich vergessen.

Später sahen wir einen Mann,
der den umgefallenen Baum in Stücke und Scheiben sägte,
die Äste abtrennte und mit Axt, Hammer und Keil Scheite herstellte.
„Die kleinen Zweige, das ‚Geweih‘ des Baumes, werden im Wald gelassen. Igel und kleine Tiere wohnen darin“,
erzählte uns der Mann mit der Kettensäge,
der von nun an der neue Held meines Sohnes war.
Wie durch Butter glitt die Säge durch den Baum
und macht dabei einen fröhlichen Lärm.

Ein anderes Mal erlebten wir, wie so ein Baum umfällt.
Vier Seile an der Krone befestigt, an der vier kräftige Männer ziehen.
Und dann kracht der Baum auf die Erde, die erzittert.
Spielerisch will ich meinen Sohn überreden,
sich auf den Stumpf zu stellen.
Aber er will nicht.
Ich dachte, er genießt den kleinen Triumph,
dort zu stehen, wo eben noch der ragende mächtige Koloss stand.

Aber er will nicht.

2. DER STUMPF ISAIS
Ich stelle mir den Stamm Isais einen Moment lang vor
wie den einer deutschen Eiche
in einem ebenso deutschen Mischwald.
Buchen und Birken stehen nicht weit.
Das Wurzelwerk ist nicht zu sehen.
Es steckt wie ein zweiter Baum in der Erde.
die Verästelungen der Wurzeln sollen der Krone eines Baumes ähneln. Die ganze Kraft, die vorher den Baum versorgt hat,
endet nun in der hellen Fläche dieses Baumstumpfes.

Der Stamm Isais,
wie Luther übersetzt,
ist ein solcher Baumstumpf.
Abgehauen ist der Baum Israels.
Das Land ist verlassen.
Der Tempel ist zerstört.
Aber dennoch haben die Wurzeln noch Kraft.
Sie können austreiben.

Isai ist der Vater Davids.
Er ist der Vater des größten Königs Israels.
Das Königreich Davids ist zerstört.
Aber ein neues Königreich kann wachsen.
Die Hoffnung auf den neuen David hat Israel begleitet.
Sie wurde zur Hoffnung auf den König der Könige,
auf den Messias. der die Welt endgültig erlösen wird.

Und wie klein ist dieses Reis zuerst!
Das Reisig, das um den Stamm eines Baumes wächst
und weggeschnitten wird,
damit ein Spross zum Baum wird.
So ein kleines Reis treibt aus
und schickt sich an,
ein neuer Baum zu werden.

3. DIE KRAFT GOTTESEs ist verletzlich, leicht umzuknicken und doch:

Wenn wir das Bild ernst nehmen: ist die Kraft Gottes darin.
Das Geflecht der Wurzeln,
zieht Kraft aus der Erde,

die einst den ganzen Baum versorgte. Die ganze Kraft Gottes
in einem verletzlichen Wesen.


„Die ganze Kraft Gottes
in einem verletzlichen Wesen.“
Das ist ein Name für Jesus Christus,
der Zweig, der geknickt,
aber nicht gebrochen wurde.

Weihnachten ist die Erinnerung daran,
dass auf ihm der Geist des HERRN geruht hat
der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen,
noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande,
und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein
und die Treue der Gurt seiner Hüften.

4. DAS KLEINE REIS
Das kleine Reis,
das aus der Wurzel hervor geht,
wird seine Milde behalten, wenn er groß wird.
Er wird nicht Gewalt ausüben, wenn er richtet. Er wird sprechen und damit zurecht bringen. Und er wird sich nicht täuschen lassen.
Er wird uns so sehen,
wie wir selbst uns manchmal nicht sehen können. Sein milder Bick
macht auch milde, was er sieht.
Die Stimme der anderen in uns,
mit der wir uns verurteilen,
wird schweigen.
Er richtet nicht danach.

Wenn er kommt, erscheint die Welt in mildem Licht.
Die Bilder des Tierfriedens
zeichnen diese Welt.
Das kleine Kind wird mit seiner Arglosigkeit keine Bosheit hervor rufen. Das wehrlose Wesen provoziert kein Zuschlagen, wie wir es kennen. Einfalt inspiriert keine Verschlagenheit.

Das Kind spielt am Loch der Giftschlange, untersucht die Welt mit der Arglosigkeit
seiner jungen Seele;
und es wird ihm nicht plötzlich Gefahr begegnen! Kein plötzlicher Kindstod,

wie ihn schon die Hirten des alten Orients kannten,

wenn sie ein Kind am Rande der Wiese spielen ließen. Die Welt hat ihre lauernde Gefahr verloren
und ist zu einem Ort geworden,
wo sich Fuchs und Hase: „Gute Nacht!“, sagen,

um es mit einem anderen Märchenbild auszudrücken und Kuh und Bärin sich nachts an einander kuscheln.

6. DER HOFFNUNGSVOLLE STUMPFAlle diese Bilder,
die uns der Prophet Jesaja
zu sehen gibt,

gehen aus dem des Baumstumpfes hervor.
Ein trauriger Anblick,
der nicht nur einen kleinen Jungen erschüttern kann. – Aber auch ein Bild der unsichtbaren Kraft Gottes. …
Alles scheint zu Ende.
Das kenne ich aus meinem Leben.
Und womöglich kennen Sie es aus Ihrem!
Und doch ist die Kraft Gottes
in den Wurzeln,
die sich unter uns verzweigen wie ein Baum.
Der Boden, auf dem wir stehen,
ist Gottes Erde
und er ist die treibende Kraft,
die Neues hervor bringt,
noch ehe wir’s sehen und erkennen,
sprosst es hervor.
Wenn alles dunkel ist,
kommt der Licht.
Wenn alle Hoffnung umgestürzt ist,
treibt ein neues Reis.
Die Verletzlichkeit bleibt,
aber darin um die Hoffnung zu wissen,
das ist Weihnachten.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft
behalte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

Amen.