Predigt zum 4. Advent 2019

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Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

  1. Ja!

Liebe Gemeinde,

Christus ist das Ja!

Diesen Satz habe ich Ihnen heute auszurichten.

Christus ist das Ja!

..

Mein Problem ist nur,

dass ich nicht richtig an diesen Satz herankomme,

weil ich immer an diese Ja!-Produkte denken muss.

Ein Ja mit einem Ausrufezeichen.

Wahrscheinlich geht es Ihnen auch so,

wenn ich sage: „Christus ist das Ja!“

Und so mache ich es

wie wahrscheinlich viele Prediger

genau in diesem Moment in diesem Lande.

Ich stelle Ja!-Nüsse, Ja!-Chips und Ja!-Käse auf den Rand meiner Kanzel.

Und ich hoffe,

damit ist diese Gefahr gebannt.

Der Gedanke spukt jedenfalls nicht mehr im Hintergrund,

sondern steht jedermann klar vor Augen,

ist klar ausgesprochen.

 

Ich weiß noch, wie alle Supermarkt-Ketten anfingen,

Eigenmarken anzubieten.

Das hatte etwas sehr angenehm Schlichtes.

Alle Marken im Supermarkt versuchen sich ja

ganz groß zu machen

und mit allen Mitteln unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Das geht man dann durch diese Gänge,

die alles anbieten

und wenn die Waren schreien könnten.

Dann würden wir

durch einen Tunnel voller Lärms gehen.

Wahrscheinlich spielen sie deshalb diese beruhigende Musik.

Angenehm fand ich dieses Ja!

Und so ist es gar kein so weiter Sprung zu dem Satz:

Christus ist das Ja!

..

Vielleicht ist etwas von dieser Klarheit in diesem Ja!

Von diesem Verzicht auf Prahlerei.

Könnte doch sein.

 

  1. Paulus wirre Wege

Paulus findet die Worte,

die wir gleich hören

und die unser Predigttext sind,

nicht in einem adventlichen Zusammenhang.

Er spricht nicht vom Kommen Christi

und eigentlich gar nicht von hohen theologischen Zusammenhängen.

Eigentlich entschuldigt er sich bei seiner korinthischen Gemeinde

für seine Unzuverlässigkeit.

Eigentlich war es gar keine Unzuverlässigkeit,

sondern der Geist hatte ihn eben hierhin

und nicht dorthin geführt.

Paulus hatte versprochen,

er werde bald wieder kurz nach Korinth kommen,

natürlich um seine lieben Korinther wiederzusehen,

aber auch ein wenig,

um zu sehen, was die Gegner,

die damals gegen ihn aufstanden,

so machten.

Hatten sie Boden gewonnen

oder hatte sich die Gemeinde

wieder auf die Wege begeben,

die er ihnen vorgezeichnet hatte?

Leider passierten Paulus ein paar unvorhergesehene Dinge,

wichtige Geschäfte riefen ihn in andere Richtungen,

und er konnte dieses Versprechen nicht einhalten.

Und offen gestanden passierte ihm das

gleich noch ein zweites Mal.

Er hatte einen Besuch angekündigt

und sogar einen längeren Aufenthalt

im schönen Korinth.

aber wieder führte ihn der Geist andere Wege.

Wobei sein erster Besuch wiederum

überraschend war.

Da hatte er gar nicht vor zu kommen.

Nun begannen die Korinther zu glauben,

Gott selbst sei unzuverlässig.

Also wohlbemerkt nicht Paulus, sondern Gott.

Denn Paulus wurde ja ganz offenbar

vom Geist Gottes

durch die damals bekannte Welt geführt.

Und wenn etwas dazwischenkam,

konnte es nur daran liegen,

dass Gott selbst Paulus nicht zu den Korinthern ließ,

sondern immer andere Vorwände erfand,

die Paulus zwangen,

andere Wege zu gehen.

Natürlich war Paulus nicht dieser Meinung.

Er wusste eine Menge darüber,

wie durch Zufälligkeiten und Schwierigkeiten

und ungeplante Vorfälle hindurch

sich der Wille Gottes durchsetzt.

Und wie wir Christen immer wieder gezwungen werden,

andere Wege zu gehen.

Wir werden enttäuscht.

Unsere Erwartungen waren nicht realistisch.

Sie kommen nicht zum Ziel.

Aber dann passiert etwas anderes,

und wir denken um.

Und am Ende hat Gott durch krumme Linien gerade geschrieben.

Diese Gedanken waren den Korinthern nicht vertraut.

Sie waren (wir erinnern uns),

ganz stark am Jetzt orientiert.

Sie waren zum Beispiel an der Zungenrede

und an den prophetischen Eingebungen interessiert.

Gott jetzt!

So könnte man ihr Lebensgefühl zusammenfassen.

Und so hatten sie gar keinen Sinn

für unvorhergesehene Zufälle,

die Paulus in komplett andere Regionen ihrer Welt sendeten

oder plötzlich reinschneien ließen.

Und Paulus erklärt Ihnen,

wie es kam,

dass er ganz woanders hin musste.

Und mitten in diesen eher technischen

oder anders gesagt organisatorischen Fragen

zu Anfang des Briefes,

brechen dann plötzlich diese grundsätzlichen Dinge

über das Thema Verheißung und Erfüllung,

das Ja! in Christus

und fast ebenso wichtig:

Das Ja und Nein in allen anderen Dingen.

 

  1. Ja und Nein!

Hören wir den Predigttext aus Paulus’ zweitem Brief an die Korinther:

Bei der Treue Gottes,

unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus,

der unter euch durch uns gepredigt worden ist,

durch mich und Silvanus und Timotheus,

der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja;

darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.

Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat

und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

[2. Korinther 1, 18-22, Luther 2017]

In allem ist das Ja und Nein.

Und nur in Christus nicht.

Der ist ein reines Ja!

Und es geht darum,

wie wir fest werden können.

Wie wir unsere Haltlosigkeit verlieren,

indem wir einen Halt finden.

Versiegelt werden wir und gesalbt.

Und ein Unterpfand wird uns gegeben.

Das ist so eine Art Garantieschein.

So würde man das heute ausdrücken.

Das ist klar, dass die Korinther

diese Festigkeit bekommen sollen.

In Christus ist das Ja.

An diesem Ja! partizipieren wir.

Wir zechen auf Christi Kreide.

In allen Vieldeutigkeiten

sind wir darin eindeutig.

 

  1. Ja, trotz allem Nein!

Das ist ein schöner Gedanke.

Nur habe ich das Problem,

dass ich nicht so genau weiß, wie er funktioniert.

Ich befinde mich in Zweideutigkeiten,

bin unsicher und zweifele,

Und dann höre ich: „Christus ist das Ja!“

Und dann nicke ich und sage:

„Ja, das stimmt ja.

Das hatte ich ganz vergessen!“

Und dann sind alle Zweideutigkeiten dahin.

Alle Neins und Jas,

die sich in irgendeiner Situation in mir streiten.

lasse ich hinter mir, und weiß plötzlich Bescheid.

Funktioniert das so bei Ihnen?

Bei mir leider nicht.

Ich versuche,

die Worte deshalb etwas anders zu verstehen.

Ich höre diese sie dann so:

In allen Jas und Neins,

die sich weiter in mir streiten,

ist allein Christus das Ja!

In allen Reiseplänen, die schief gehen,

in allen prophetischen Worten,

die dann doch nicht so treffend waren,

wie zuerst gedacht,

in aller Zungenrede,

die dann doch nicht so viel mehr

ans Tageslicht der Vernunft fördert,

als uns schon bekannt ist.

In allen diesen Schwierigkeiten,

die uns alltäglich so betreffen,

bleiben die Jas und Neins,

die von links und von rechts auf mich einreden

wie die attraktiv verpackten Waren im Supermarkt.

Was hilft mir da, dass Christus das Ja! ist?

 

  1. Amaryllis Fox

Ich habe gerade ein Buch gelesen,

das von einer amerikanischen Spionin geschrieben wurde,[1]

Spionin, das klingt so fern

und nach Kino und Popcorn,

aber dieses Mädchen Amaryllis

war einmal ein Mädchen,

das Verwandte bei einem terroristischen Anschlag verlor.

Und als Studentin passierte ihr das nochmal.

Und so studierte sie internationale Politik in Oxford

und dann begann sie mit einer Geheimdienstausbildung.

Und bald war sie darin sehr gut.

Und so wurde Amaryllis Fox Undercover-Agentin beim CIA.

Sie verhandelte mit den Männern,

die gerne „Monster“ genannt werden;

zum Beispiel mit Waffenhändlern,

die Terroristen mit Atomwaffen versorgen.

Sie traf dabei erstaunliche Persönlichkeiten,

Menschen, die Kafka und Malcolm X zitierten

und eine Geschichte hatten,

natürlich auch Verletzungen.

„Bei meinen Einsätzen da draußen“,

schreibt sie in Ihrem Buch,

„habe ich vor allem eines gelernt:

Du kannst deinen Feind nicht besiegen,

ohne ihn zu verstehen.

Du musst ihm zuhören.

Wenn wir mit dem Krieg gegen den Terror

so weitermachen wie bisher,

dann wird er nie enden.“

Sie begann sich mit den Monstern anzufreunden,

knüpfte persönliche Beziehungen.

Und es gelang ihr,

einige der Monster umzudrehen

und für den Kampf

gegen den Terrorismus zu gewinnen.

Eine Weile war sie sogar

mit ihrem neugeborenen Kind im Einsatz

und tauschte mit einem der Waffenhändler

Rezepte gegen Asthma bei den Babys:

Denn beide lebten in Städten,

in denen der Smog dicht war,

und viele Kinder deshalb krank.

Mitten unter den Monstern

und z.T. von Ihnen

hat sie etwas gelernt,

dass sie inzwischen Friedensaktivistin sein lässt.

Nun arbeitet sie in Flüchtlingscamps im Nordirak

mit schiitischen und sunnitischen Jugendlichen,

die ihre Eltern und Verwandten verloren haben,

weil die jeweils andere Partei sie getötet hat.

In Workshops erzählen sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten.

Woher kommen der Mut und die Energie, mit Feinden zu reden?

Amaryllis Fox ist eine Christin,

die aber erst spät entdeckt hat,

woher wichtige Antriebe ihres Tuns kommen.

Wir sehen anders auf die Welt,

wenn Christus das Ja! ist.

In all den widerstreitenden Jas und Neins,

die wir so gut spüren und nacherleben können,

wissen wir, dass Christus das Ja! zur Welt.

Das Ja! zu Gottes Verheißungen über diese Welt ist.

Und das lässt uns anders handeln und denken.

Das lässt uns den Menschen neben uns

anders ansehen.

Das lässt uns in den Grübeleien,

was wir tun sollen,

die mutige und hoffnungsvolle Variante wählen.

Wir gehen durch die Welt,

in der wir lebhaft empfinden,

dass alles, was wir tun,

seine Jas und Neins hat.

Aber Gott hat zu dieser Welt sein Ja! Gesprochen.

Und das gibt mir ein ganz anderes Gefühl,

zu Hause zu sein.

Versiegelt und gesalbt

Und mit einem Garantieschein in der Hand,

dass ein Weg zu finden ist,

dass ich durch Jas und Neins hindurch

meinen Ausweg finde!

Amen.

Und der Friede Gottes,

der weiter ist als die Vernunft der Menschen,

behalte eure Herzen und sinne

in Christus Jesus.

Amen

[1] Amaryllis Fox. Life Undervover. Als Agentin bei der CIA. München: Hanser, 2019.

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).

Frank Hiddemann
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