Predigt zum Diakonie-Gottesdienst 2020

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Predigt im Diakonie-Gottesdienst am 25. Oktober 2020 in St. Marien, Gera-Untermhaus.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi  und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit uns allen. – Amen.

1. Fernheilungen


Fernheilungen, liebe Gemeinde,

das war Jesu Sache nicht.
Und das leuchtet uns auch sofort ein.
Denn Nähe steht bei uns hoch im Kurs.
Ohne Nähe können wir uns Heilung und Trost gar nicht vorstellen.
Gut, es gibt auch Menschen, die uns nicht zu nahe kommen sollen.
Und es gibt vielleicht auch Momente, in denen uns niemand zu nahe kommen soll.

Aber bei Jesus oder bei Gott?

Vielleicht ist es ja sogar Gottes Nähe, die wirkt, wenn Jesus heilt.
Wenn Jesus den Menschen nahe kommt. ist ihnen Gott nahe.
Und Gottes Nähe heilt.
Jesu Berührung ist Gottes Nähe pur.

Aber eine Geschichte gibt es doch,
in der Jesus jemanden heilt,
der in der Ferne weilt,
den er weder sieht noch kennt.
Und als wir diesen Gottesdienst vorbereitet haben,
sind wir wohl deshalb auf diese Geschichte gekommen.

“Sprich nur ein Wort!”,
heißt es in dieser Geschichte,
Dann wir mein Knecht gesund.
Es ist die Geschichte eines Glaubens,
der keine Nähe braucht,
der über Distanzen hinweg wirkt.

Aber es ist auch eine Geschichte,
in der es erst einmal eine Distanz gibt
zwischen Jesus und dem,
der ihn um eine Heilung bittet.
Die beiden arbeiten die Distanz weg.
Vor allem der Hauptmann von Kapernaum versucht das.
und es ist rührend, wie er Jesus missversteht
und noch viel rührender,
wie Jesus diesen Versuch des Hauptmanns anrechnet,
sozusagen, den Versuch für die Tat nimmt.

Hören Sie mal zu und achten Sie darauf,
wie sich zwei einig werden,
die sich extrem fern sind, als sie sich treffen:
Der hohe Militär, der eine Besatzungsmacht repräsentiert
und der vermeintliche jüdische Wunderheiler,
dessen einzige Qualifikation sein soll,
dass er besser ist als vergleichbare Anbieter [Mt 8, 5-13]:
Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging,
trat ein Hauptmann zu ihm;
der bat ihn und sprach:
Herr, mein Knecht liegt zu Hause
und ist gelähmt und leidet große Qualen.
Jesus sprach zu ihm:
Ich will kommen und ihn gesund machen.
Der Hauptmann antwortete und sprach:
Herr, ich bin nicht wert,
dass du unter mein Dach gehst,
sondern sprich nur ein Wort,
so wird mein Knecht gesund.
Denn auch ich bin ein Mensch,
der einer Obrigkeit untersteht,
und habe Soldaten unter mir;
und wenn ich zu einem sage:
Geh hin!, so geht er;
und zu einem andern:
Komm her!, so kommt er;
und zu meinem Knecht:
Tu das!, so tut er’s.
Als das Jesus hörte,
wunderte er sich
und sprach zu denen, die ihm nachfolgten:
Wahrlich, ich sage euch:
Solchen Glauben habe ich in Israel
bei keinem gefunden!
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann:
Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

2. Kultur der Nähe. Kultur der Distanz
Ich vermisse am meisten den Händedruck.
Sagt mir der eine. Und die andere:
Zum Glück muss ich niemandem mehr die Hand geben.
Wir haben hundert verschiedene Maskentypen entwickelt.
Und fast ebenso viele Arten, sie zu tragen.
Am Handgelenk, am Ellenbogen, unter dem Kinn.
Bei einer Partie Blindschach
sah ich die Maske neulich auch über den Augen.
Bei vielen passt die Maske immer zur Kleidung,
viel haben nur ein Modell,
das sie am bequemsten finden.
Viele tragen nur Einmalmasken,
als verbessere die medizinische Aura zur Wirksamkeit.

Und die neuen Arten, sich zu grüßen.
Berührungen mit dem Ellenbogen oder den Füßen.
Die einen sagen, man dürfe man sich nicht mit dem Ellenbogen begrüßen,
weil man da den Musikantenknochen treffen könne.
Andere sagen, darum gehe es ja gerade,
dass das so ein ganz sensibler Gruß sei.

Das sind die Dinge,
die sich in der Öffentlichkeit verändert haben.
Es herrscht mehr Heiterkeit und Ironie als Drama.
Vor allem mehr Zorn auf die Einschränkungen,
mehr Verleugnung auch
Und wer sieht in die Wohnungen,
wo die Kinder allein sind,
weil eben doch nicht alle Eltern Home-Office machen.
Und wo die Alten allein sind
und die mittelalterlichen auch,
weil ihnen die Sport und Geselligkeitsrunden fehlen.

Wer schaut da hinein.
Wahrscheinlich am ehesten Sie,
die Helferinnen und Helfer,
Beraterinnen und Schulbegleuter,
Pflegerinnen und Erzieher
ohne die es in den Heimen und Wohnungen
noch schlimmer aussähe.
Viele von Ihnen sind in diese Zeit
über ihre Grenzen gegangen
und sind noch heute chronisch überlastet.
Meinen Respekt und Dank dafür!

3. Der Hauptmann als Anwalt des Eingeschlossenen
Das verdeckte Leid.
In diesem Moment springt mich unsere Geschichte
noch einmal ganz neu an.
Ich sehe den Hauptmann von Kapernaum
als einen Menschen,
der für einen Menschen im Kämmerlein einsetzt.
einen Menschen der Mobilitätseinschränkungen hat.
ein Schmerzpatient, nervös und leidend.
Gewiss, es ist sein Knecht
und man könnte die Geschichte so verstehen,
dass der Hauptmann nur sein Eigentum
wieder hergestellt haben will.
Der Knecht soll wieder einwandfrei funktionieren.

Aber viele Ausleger dieser Bibelstelle haben schon gefragt,
was das denn für ein Hauptmann sei,
der sich so für einen Soldaten,
einen Untergebenen einsetzt,
dass er zu einem jüdischen Wunderheiler geht.

Ein Hauptmann als Bittsteller
bei einem Repräsentanten des unterworfenen Volkes.
Ein Hauptmann, der offenbar panisch
jedem Ratschlag irgendeines Kollegen folgt,
nur dass sein Knecht wieder gesund werde.

Er ist gelähmt und leidet große Qualen. sagt er.
Offenbar steht er unter dem frischen Eindruck der Schmerzen,
die er sehen musste.
Und ich denke, das ist der Punkt, den Jesus spürt.
Da ist einer, der sich von einem Leid betreffen lässt.
Er gehört zur Gemeinschaft der Menschen,
die sich vom Leid andere betreffen lassen,
die dieses Ziehen im Herzen verspüren,
das wir die Barmherzigkeit nennen.
Er gehört zu denen,
die einen Impuls zum Handeln verspüren,
wenn ihnen Leid begegnet.
Und dieser Hauptmann ist sogar einer,
der sich erniedrigt, wenn er helfen will,
er nimmt den Spott in Kauf,
der ihm droht, wenn die anderen sehen,
dass er zu einem Wunderheiler des unterworfenen Volkes geht.
….
Das spürt Jesus.
Vergessen wir nicht, dass Jesus auch sagen kann:
“Ich bin nur zu den kindern Israels gesandt!”
Er hat durchaus ein Bewusstsein dafür,
dass die angehörigen einer anderen Religion,
eines anderen Volkes
nicht einfach zu ihm kommen können.
Er hat natürlich auch ein Bewusstsein dafür,

dass er gar kein Wundeheiler ist, sondern ein Prophet,
einer der Gottes Wirklichkeit ansagt,
einer der sie mit soviel vollmacht ansagt,
dass diese Wirklichkeit auch Platz greift,
dass sogar Menschen gesund werden,
wenn Gottes Wirklichkeit sie ergreift.
Er ist kein Wunderheiler,
sondern ein Gottesverkünder.
Und nach und nach reifte sogar die Einsicht,
er sei Gott selbst gewesen, sein Sohn.

4. Verkennungen sind nicht im Wege.
Jesus könnte darauf beharren,
dass er hier verkannt wird.
Ich bin kein Wunderheiler, wie du denkst,
könnte er ausführen
und dann beginnen,
vom Gott Israels zu sprechen.
Macht er aber nicht, sondern lässt sich hineinziehen
in die Gemeinschaft derer, die sich vom Leid anderer betreffen lassen,
die dieses Ziehen im Herzen verspüren
und den Impuls zu handeln.

Und so sagt er:
Ich will kommen und ihn gesund machen.
Eigenartig, dass der Hauptmann da nicht jubelt und sagt,
ich habe es geschafft,
ich habe einen Termin bei einem Facharzt,
sondern dass er ihm zu verstehen gibt,
dass er ihn für einen der seinen hält.
Ich bin ein Hauptmann.
Du bist ein Hauptmann.
Ich befehle,
du kannst befehlen.
Vielleicht weiß er,
dass ein Jude sich kultisch verunreinigt,
wenn er in ein römisches Haus tritt.
Vielleicht ist es eine Art Höflichkeit
dem fremden Glauben gegenüber.
Vielleicht ist es eine Art Höflichkeit
dem Manne gegenüber, der mächtig ist,
dessen Macht noch helfen kann,
wenn seine Macht versagt.
Ich nehme nicht an, dass es sein Glaube íst,
der ihn so sprechen lässt.
Aber das tut Jesus.
Er vergleicht diese Haltung des Hauptmanns
mit dem Glauben
und stellt ihn über den Glauben seiner eigenen Konfessionsgenossen.
Diesen Menschen,
der sich für einen Leidenden einsetzt,
der alles Mögliche probiert,
der sich sogar dafür erniedrigt
und der mit übergroßer Höflichkeit,
für den anderen alles tut, was er kann.
Herr, ich bin nicht wert,
dass du unter mein Dach gehst!
Sagt er.
Und das motiviert Jesus zu seiner einzigen Fernhaltung.
Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Das ist der Moment,
wo Nähe und Ferne keine Rolle mehr spielen.
Das ist der Moment,
in dem sich zwei begegnen,
die wissen, vor einem Leiden muss man erstmal handeln.
die das von ihren Herzen her wissen
und die obwohl sie einander Fremde sind,
sich darin einig wären.
Als ob das nicht schon Wunder genug wäre,
geschieht dann das Wunder, von dem die Geschichte erzählt.
Es gibt kein fern und kein nah mehr,
sondern die Wirklichkeit Gottes umgreift alles.
Sprich nur ein Wort,
so wird meine Seele gesund.
Amen.

Und der Friede Gottes,
der weiter ist als die Vernunft der Menschen,
behalte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).

Frank Hiddemann
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