Predigt zur Jahreslosung 2020

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Predigt zur Jahreslosung am 3. Sonntag nach Epiphanias (26. Januar 2020).

 

Jens Wolf, 2020.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

Liebe Gemeinde,

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagt man, und Panik ein wahrscheinlich noch viel schlechterer. Stellen Sie sich vor, wir wollten uns daran orientieren, was einer in einer Panik-Attacke spürt, wie er in diesem Moment die Welt erlebt. Da vertraut man doch lieber auf Schilder, auf denen mit rosafarbenen Buchstaben: „Keine Panik“ steht.

Und doch ist die Jahreslosung 2020 ein in Panik geschriener Satz. Der Vater eines Kindes ruft ihn, aber er ruft nicht mit volltönender Stimme, mit edler Lautstärke sozusagen, sondern er krächzt ihn, Seine Stimme überschlägt sich, wird hoch oder bleibt ihm in diesem Moment fast weg. Im griechischen Urtext steht lautmalerisch: „Kraxas“. Das ist das, was der Mann tut. Er krächzt den Satz: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Wenn wir die Geschichte lesen, haben wir sogar den Eindruck, Jesus bekommt gar nicht mit, in welcher Panik der Mann steckt. Jeder, der schon einmal den Unfall oder eine akute Krankheit des eigenen Kindes erlebt hat, weiß dass die Geduld für philosophische oder theologische Erörterungen in einer solchen Situation  äußerst begrenzt ist. Jesus scheint die Formulierung nicht zu gefallen, mit der der Mann um Hilfe bittet. Wenn du aber etwas kannst sagt er. Und dann spricht Jesus recht allgemein über den Glauben: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Das erscheint dem Mann offenbar zynisch. Aber er ist auf Hilfe angewiesen, also erpressbar. Und so versagt ihm die Stimme,  und er krächzt: Nenn es wie du willst, aber hilf meinem Kind. Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Offenbar befriedigt dieser Satz Jesus immer noch nicht, sondern er würde gerne weiterdebattieren über die richtige innere Haltung, die ein Mensch, der gesund werden will, haben sollte. Aber die Menschenmenge läuft zusammen. Und da wendet sich Jesu Aufmerksamkeit dem unreinen Geist zu. Die Geschichte ist so erzählt, dass man fast denken könnte: Sobald ein Publikum da ist, beginnt Jesus die Show.

Das ist der Kontext unserer Jahreslosung. Ich lese uns die Geschichte von der Heilung eines epileptischen Knaben, wie es in alten Lutherbibeln heißt, einmal vor, so dass Sie sich eine Meinung bilden können, ob ich übertrieben habe:

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht. Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, sodass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf. Und er stand auf. [1]

Der Geist der von Jesus bedroht wird – oder der Knabe selbst – macht das gleiche wie der Vater. Er krächzt („kraxas“). Und dann fährt der Geist aus. Und der Junge sieht aus wie tot. Aber dann richtet der Jesus auf, und er wird gesund. Es gibt kaum eine Heilungsgeschichte in den Evangelien, in der so viel „Drama“ ist. Und mitten drin – vielleicht sogar der dramatische Höhepunkt – ist der Schrei des verzweifelten Vaters: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!..

Was fangen wir mit einem verzweifelten Schrei als Jahreslosung an? Man sagt: „Kindermund tut Wahrheit kund“. Und ich denke, auch ein verzweifelter Schrei. enthält manchmal mehr Wahrheit als ein bedachtes Wort. Das nervöse „Nenn es wir du willst, aber mach‘ bitte meinen Jungen gesund!“, ist zugleich ein Spruch, der die Paradoxie des Glaubens unübertrefflich genau ausspricht. Das ist die tiefste Wahrheit der lutherischen Theologie. Der Glaube in uns ist nicht unser Wille oder unser Entschluss. Der Glaube in uns ist gewirkt. (Wieder so ein schönes Wort!) Gewirkt wie ein schöner Stoff. Wir sind gewirkt vom Heiligen Geist. Er webt und lebt in uns. Er wirkt unsere Glauben.

Wir können ihn aussprechen, den Glauben gemeinsam bekennen wie wir es eben getan haben, aber letztlich ist er geschenkt.

In Ihren Gesangbüchern befindet sich eine Klappkarte. Sie trägt ein Motiv von Jens Wolf. [2] Auf unserer Gemeindekirchenratsklausur in Volkenroda haben wir ihn kurz kennen gelernt. Und wenn ich mich richtig erinnere, war eine kleine Ausstellung von ihm zu sehen. Auf unserer Karte ist ein Aquarell zu sehen. Die Verläufe der Farbpigmente lassen die wenigen ersten Pinselstriche gut erkennen, die das Bild strukturiert haben. Ein leuchtend roter Streifen am linken Rand, vertikal. Eine blauschwarze Fläche, viel größer, auf der rechten Seite.

Wer mit dem Sehen – wie ich – leicht gehandicapt ist, sieht vielleicht erst auf dem zweiten Blick, dass eine menschliche Gestalt auf der dunklen Seite zu sehen ist. Sie scheint zwiegespalten (wie wir Menschen es nun mal sind). Eine dunkle Linie geht vertikal durch die Figur hindurch. Ihr Kopf und der vordere Teil des Körpers sind in der hellen Fläche. Der restliche Körper in der dunklen.

Gut und böse ist wahrscheinlich das erste, was uns angesichts dieses Helldunkels einfällt. Aber dieser Mensch, der gut steht, fest auf dem Boden, hat einen roten Streif. Er ist Teil seines Körpers. Wie die Wirbelsäule hält dieses Rot den Menschen aufrecht. Allerdings ist dieser rote Strich auf der dunklen Seite. Deshalb denke ich, das Hell und Dunkel ist hier die Linie zwischen unserem Bewusstsein und unserem Unbewussten oder Vorbewussten. Das vertikale Rot, das uns gerade hält, ist uns nicht bewusst oder jedenfalls nichts, was unsere Tages-Vernunft erkennen oder womit sie bewusst arbeiten könnte. Der Künstler sagt, es sei die Sehnsucht.

Das Thema unseres Gottesdienstes sind ja die Heiden. Der römische Hauptmann aus dem Evangelium [3] ist kein Mitglied des jüdischen Volkes, also ein Mensch aus den „Völkern“, ein Heide. Er sagt: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. „So wird unsere Seele gesund“, sprechen wir in der Abendmahlsliturgie die Worte dieses Hauptmanns nach und beziehen sie auf uns. Vor dem Heiligen sind wir alle letztlich Heiden, Außenstehende.

In allen Menschen steckt etwas von dem, worauf sie zugehen. In der Kirchengeschichte hat man es manchmal „Seelenfünklein“ genannt. Die Theologie nennt es den Schöpfungscharakter des Menschseins, Paulus das unaussprechliche Seufzen der Natur. Der Künstler nennt es Sehnsucht. Das was uns dahin treibt, wo wir hinsollen, wo uns der Heilige Geist haben will, wo wir erlöst sind.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Ob Heide oder Christ, ob Jude oder Grieche, ob Kirchenferner oder Kerngemeinde. Über den Status, den das Blatt von Jens Wolf zeigt, kommen wir alle grundsätzlich nicht hinaus. Wir alle sind menschliche Wesen mit einem geistlichen Feuerstreif inmitten unserer Leiber, ob wir es wissen oder nicht.

Es gibt diese Momente, da fühlen wir uns mitten im Leben, als seien wir schon da. Aber das sind Funken unseres Bewusstseins, manchmal auch der leiblichen Existenz. Unser Alltag bleibt in der Regel weit weniger euphorisch. Vielleicht ist das gut so. Aber gut so auch, dass es das andere gibt!

Und ich will noch einmal anders auf das Bild schauen. Als sei die menschliche Figur der Knabe, den Jesus geheilt hat. Der liegt am Ende unserer dramatischen Geschichte da wie tot. Und die Menschenmenge denkt genau das, er sei tot. Aber Jesus fasst in bei der Hand und hilft ihm auf. Und zugleich steht der Junge auf. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf. Und er stand auf. Diese beiden Sätze klingen wie eine unnötige Verdoppelung.

Wenn ihn Jesus aufgerichtet hat, steht er doch. Warum wird dieses Aufstehen ein weiteres Mal erzählt? Wer Bibel liest, kennt diese Doppelungen. Das erste ist die Aufrichtung durch Jesus. Der Knabe, der liegt ist ja der Knabe, der von seinem bösen Geist hin- und hergerissen wurde, der immer wieder umgeworfen wurde, ins Feuer und ins Wasser. Dieser Knabe steht nun, weil er aufgerichtet wurde, auf. Der rote Streif, den wir in der menschlichen Figur sehen, ist auch die Kraft der Aufrichtung. Jedenfalls wenn wir das Bild mit den Augen unserer Geschichte ansehen. Der besessene Knabe wechselt gleichsam den Besitzer. Der Geist, der ihn hin und her wirft geht. Der Geist der Aufrichtung kommt. Respektvoll, mit leicht geneigtem Haupt geht der junge Mann mit uns auf das zu, was schon in uns ist.

Wenn der Vater des Jungen krächzt: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Dann trifft sein Satz – mitten in seiner Verzweiflung – gerade den Punkt auf den es ankommt. Wir werden aufgerichtet. Und dann stehen wir auf. Wir glauben. Und in diesem Moment wird uns der Glauben geschenkt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn, Amen.

[1] Markus 9, 17-27, Luther 2017.

[2] ATELIER JENS WOLF, Oberstraße 10, 34292 Ahnatal-Weimar, 0174 3040261,www.atelier-jens-wolf.de.

[3] Matthäus 8, 5-13, Luther 2017.

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).