Gott als Herrenschneider. Predigt zum Sonntag Invokavit

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Predigt am Sonntag Invokavit (1. März 2020) im Lutherhaus, Gera-Untermhaus.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. – Amen.

Adam, Eva und die Schlange von Franz Stuck (1928)

Ein Gott, der im Garten umhergeht, liebe Gemeinde, und zwar in der Abendkühle, dann wenn es uns Menschen auch sehr gefällt, weil die Hitze des Tages sich gelegt hat und vielleicht ein linder Wind weht.

Ein Gott auch, der im Garten umhergeht und der nichts davon bemerkt hat, was geschehen ist, als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, der es erst wie ein Detektiv herausbekommt. Er schließt es aus den Feigenblättern, dass sie begonnen haben, sich zu schämen und zu schützen.

Ist Ihnen so ein Gott, so ein „Gottesbild“ sollte ich vielleicht sagen, sympathisch? Er ist ja dem Gott Jesu sehr nahe, ich meine dem Gott, der Jesu Vater ist, den Gott der durch Nähe und Zuwendung charakterisiert ist. Ein Gott, dem man begegnen kann, wenn man spazieren geht, im Wald vielleicht und in der Abendkühle oder während wir die ersten Sonnenstrahlen aufschnappen, um die Abendkühle mal in unsere Wetterschönheiten zu übersetzen.

Und ein Gott, der der erste Herrenschneider ist; und der erste Damenschneider auch. Ein Gott, der den Menschen Kleidung macht, damit sie ihre ersten Blätterschurze ablegen können. Und er ist der erste Ankleider, denn er zog ihnen die Röcke aus Fellen auch an. Die beiden verwirrten Menschen hätten das wahrscheinlich nicht hinbekommen,die Löcher für die Arme und Beine und für den Kopf zu finden.

Und das gleich nach dem großen Fluch über die Natur, über das Verhältnis von Mann und Frau, über die Arbeit. Direkt nach dem Fluch wieder diese Zuwendung!

Ist Ihnen dieser Gott sympathisch? Oder hätten sie es gerne abstrakter? Mehr wie ein Prinzip, die Liebe, die Gnade, der Schutz. Der Gott im Garten, den man hören kann, wenn er umhergeht und der Felle schneidert. Mögen Sie den?

Ich möchte Ihnen den Predigttext des heutigen Sonntags Invokavit einmal nach einer ganz alten Methode auslegen, der Homilie, das heißt Satz für Satz und fortlaufend, am Bibeltext [Gen 3 nach Luther 2017] entlang. Die Geschichte von Adam und Eva, der Schlange und dem Engel mit dem flammenden Schwert. ist uns sehr bekannt, fast zu bekannt, deswegen schauen wir mal ganz genau hin – auf die Bilder und Worte, die uns vom Anfang der Welt und dem Anfang der Gottesbeziehung erzählen. Und behalten sie doch einmal die Frage im Sinn, ob das der Gott ist, den Sie mögen und haben wollen.

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Gott selbst hat die Schlange gemacht. Und sie war listiger als die anderen Tiere. Da ist nicht vom Teufel die Rede. Da ist etwas, was im Innenraum der Schöpfung passiert. Generationen von Theologen haben diese Worte einer Schlange allein nicht zugetraut und den Teufel hinter oder in diesem Tier vermutet und schließlich behauptet. Warum handelt die Schlange so? Warum weiß sie, dass die Frucht – übrigens nicht der Apfel – den Menschen nicht den Tod bringt? Gott hatte gesagt [Gen 2, 16f.]:

Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

Das stimmt nicht Und die Schlange weiß es. Warum? Kennt sie vielleicht Gott besser und weiß sie, dass er barmherzig ist und nicht so schnell zur Todesstrafe greift? Vielleicht ist die Schlange neidisch auf die Krone der Schöpfung? Was ist der Grund, und woher kommt das Böse? Unsere Grundfrage. Da gibt es offenbar etwas, was in der Schöpfung schon angelegt ist, was dann im Zusammenspiel von Tieren und Menschen geschieht. Warum? Und wie?

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

Was ist es, was die Frau zugreifen lässt? Die Neugier, die Lust an etwas Neuem. Ach, diese gefährliche und voranbringende Neugier. Für den Philosophen Immanuel Kant bedeutete diese Geschichte den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Es ist für ihn die große Aufklärungsgeschichte. Die Menschen ziehen aus dem Paradies aus Und machen sich selbstständig. Sie leben nicht mehr wie die Tiere oder unmündige Kinder, sondern als herausstechende selbständige mit Vernunft begabte Wesen. Aber was ist aus der Aufklärung geworden? Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Kriege und Pogrome scheinen erst richtig Tempo aufgenommen zu haben , nachdem die Menschen selbständig geworden sind. Die von Gott losgerissene Welt ist nicht human geworden.

Jesus jedenfalls gelingt es dem Satan zu widerstehen, indem er sich immer wieder an Gott bindet. Freiwillig und souverän. Wir haben es im Evangelium gehört [Mt 4, 1-11].

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Die Erkenntnis ist zuallererst eine Selbsterkenntnis: Wir sind nackt. Vor Gott sind wir nackt. Noch heute. Und gleich müssen sie sich bedecken. Und gleich müssen sie sich verstecken. Noch heute

Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

„Adam, wo bist du?“ Heinrich Böll hat ein Buch geschrieben, dem er diesen Titel gab. Ein Buch aus dem Zweiten Weltkrieg, geschrieben in der Nachkriegszeit. Wo bist du, Adam?“ – „Ich war im Krieg!“ Plötzlich ist diese Geschichte so aktuell. Diese Stimme Gottes, die nach uns ruft: „Wo bist du Mensch!“ Denn Adam heißt ja auch “Mensch”. Wo haben wir uns wieder versteckt, wenn er uns so ruft?

Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Die Schuld wird verschoben – auch eine Antwort auf die Frage, woher das Böse kommt. Es entsteht aus der Verschiebung der Schuld. Statt zugeben, bereuen und Vergebung finden, der alltägliche Fight, wen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Wie viele Eskalationen der Gewalt – im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich – enstehen aus diesem Teufelsspiel, dem Schuldverschieben.

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

Diese drei Flüche sind für manche Theologen eine Schöpfungsordnung. So ist die Welt nun mal, sagen sie. Die Natur wird von uns ausgebeutet und an den Rand gebracht. Und sie wehrt sich mit Hitzewellen und Klimakatastrophen, es herrscht Krieg zwischen uns und der Natur – so wie zwischen Eva und der Schlange. Männer und Frauen bekämpfen sich bis auf’s Blut, obwohl sie sich gegenseitig anziehen, wie nichts sonst einen anzieht. Es herrscht Krieg zwischen den Geschlechtern, so wie zischen Adam und Eva. Und dann die Mühe der Arbeit, die Arbeit, die einen krank machen kann. Ich sage nur Burn Out und Mobbing. Die Arbeit kann wie Treibsand sein, dagegen ist es noch harmlos, sein Brot zu essen, weil einem von der Plackerei noch der Schweiß im Gesicht steht. Aber diese drei Wirklichkeiten unseres Lebens sind keine Schöpfungsordnungen, sondern Flüche! Erinnern wir uns daran. Die Schöpfung ist anders gemeint.

Und durch Christus ist eine andere Welt zwar noch nicht ganz da, aber doch wieder möglich geworden, So versteht es jedenfalls Paulus, wenn er im Kolosserbrief [Kol 1, 19f.] schreibt:

Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

Der Riss zwischen Gott und seiner Schöpfung ist geschlossen, soll das doch wohl heißen. Durch Versöhnung. Durch das Ende der Verschiebung der Schuld.

Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

Diese beiden Sätze können wir erst verstehen, wenn wir uns klar machen, was an dieser Stelle fehlt. Gott hat hier nicht mit Pathos eine Begnadigung ausgesprochen. Er hat sein Todesurteil nicht dramatisch zurück genommen. Die beiden müssen nicht sterben. Aber er redet nicht von diesen Dingen, sondern er tut. Er macht seine beiden Menschen mit den Folgen ihres Tun bekannt und dann wendet er sich ihnen zu. Er macht ihnen mit väterlicher Sorge Kleidung und zieht sie an, damit sie den Weg nach draußen bestehen können.

Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Ein Lager der Engel zwischen und uns dem Paradies! Die Israeliten sind lange durch die Wüste gezogen oder haben sich als Halbnomaden durch die Steppe bewegt, und hier und da gelagert. Ein Lager von Engeln zwischen uns und dem Paradies. Das ist der traurige Blick, der feststellt, der Weg zurück ist uns versperrt.

Dieser traurige Blick nach hinten ist uns verwehrt. In Zeiten, in der so viele Menschen zur Nostalgie oder Ostalgie neigen und gerne von früher sprechen, ist das eine wichtige Erinnerung. Wir können nicht ins Paradies zurück, nicht in das, in dem Adam und Eva lebten, aber auch nicht in das unserer Jugend oder wann immer die beste Zeit unseres Lebens war. Es geht nach vorne. Wir müssen wandern und sehen, ob wir irgendwo in der Zukunft noch einmal eine Pforte zum Paradies finden.

Und Gott? Er treibt die Menschen hinaus, hat sie aber vorher mit dem Nötigsten versehen. Er wird sie nicht verlassen, obwohl sie ihn verlassen haben. Er ist bei uns auch in den Wüstenwanderungen unseres Lebens. Er versorgt uns nicht mit allem, was wir wünschen, aber mit allem, was wir brauchen. Er verlässt uns nicht. – Amen.

Und der Friede Gottes, der weiter ist als die Vernunft der Menschen, behalte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. – Amen

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).

Frank Hiddemann
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