Predigt zum Thema Corona und Glaube

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Predigt am Sonntag Invokavit (20. Februar 2021) im Lutherhaus, Gera-Untermhaus.

  I.

„Gott ist ein Freund des Lebens. Er liebt uns Menschen und leidet mit uns. Gott will das Unheil nicht. Nicht das Unheil hat darum das letzte Wort, sondern das Heil, das uns von Gott verheißen ist“, hieß es im gemeinsamen Wort der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirche in Deutschland zur Corona-Krise im März 2020.  Das ist nicht ganz falsch, aber es klingt harmlos, vielleicht sogar banal. Es ist ganz in der Linie von dem, was wir von den Kirchen an großen öffentlichen Worten gehört haben. Corona ist keine Strafe Gottes und auch keine Prüfung. Gott ist auf unserer Seite. Er leidet mit uns. Er will das Heil und ansonsten sind wir selbst schuld und selbst verantwortlich, auch für die Lösung der Probleme.

Der Künstler Nikolaus Mohr malte 2015 die Medusa. Heute sieht sie aus wie ein Corona Virus.

Dieses Selbstschuld ist das große Credo vieler frommer Worte. Der Mensch empfängt die Folgen seines Handelns und gerade in den letzten Wochen und Tagen gibt es da viele Indizien, die diese These bestärken. Fledermäuse werden aus ihren Wäldern getrieben. Viren, die in ihren Organismen ungefährlich sind, wachsen sich zu einer Seuche aus unter den Menschen. Vor ein paar Tagen auch die Nachricht, dass ein Labor in Wuhan wohl mit solchen Fledermausviren geforscht hat. Viren, so wir vermutet, wurden als Kriegswaffen getestet.

Aber was heißt das? Es heißt, wir sind wie beim Klimawandel, wie bei den Kriegen und Migrationsbewegungen selbst schuld und müssen es durch bessere Politik und vielleicht durch eine Umkehr in der Logik unseres Handelns selbst herausreißen. Gerade die Unfähigkeit von uns Menschen, das zu tun, stellt aber die religiöse Frage. Und der Ursprung der evangelischen Kirche ist Luthers Überzeugung, dass der Mensch chronisch überfordert ist mit diesen Selbstansprüchen. Das Wochenlied unseres heutigen Sonntags Invokavit lässt das mit aller Deutlichkeit singen:

Mit unsrer Macht ist nichts getan, / wir sind gar bald verloren; /  es streit’ für uns der rechte Mann, / den Gott hat selbst erkoren. / Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,/ der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, / das Feld muss er behalten.

 

II.

Was hat Gott mit Corona zu tun? Es gab einmal die bohrenden Fragen Hiobs, und die Philosophen stellten ebenso drängend die Theodizee-Frage: „Was hat Gott mit dem Unheil zu tun?“  Kann man wirklich einfach sagen: „Gott ist ein Freund des Lebens. Er hat mit Corona nichts zu tun.“?

Hiob hat Gott verantwortlich gemacht für das, was ihm widerfahren ist. Seine Freunde haben mit der Weisheit ihrer Religion versucht, ihn zu beruhigen. Sie tun ihr Bestes und sind, soweit wir sehen, ohne Falsch. Aber Hiob hat Gott nur umso grimmiger angegriffen. Sein Spitzensatz lautet: „Gott hat mir seine Pfeile in den Rücken geschossen!“ (Hiob 6, 4). Das heißt, er hat von hinten angegriffen, während Hiob nichts Böses ahnte.

Hiob bekommt am Ende Antwort von Gott selbst. Und der spricht aus dem Wetter. Ich fasse seine Botschaft so zusammen: „Richte anhand deines Schicksals nicht über die ganze Welt. Ich sorge dafür, dass die Grundfesten der Erde nicht wanken. Und es gibt Kräfte, die gegen dich wirken. Du musst sie aushalten. Aber dein Leid wird vorübergehend sein.“ Diese Antwort ist nicht viel anders als die, die die Freunde Hiobs auch schon so ähnlich versucht haben zu formulieren, aber das Entscheidende ist, dass Hiob recht von Gott geredet hat (Hiob 42, 5). Seine Freunde sollen hingerichtet werden, weil sie „Trug für Gott“ vorgebracht haben (Hiob 13, 7). Hiob hat gehört: „Du bist nicht Mittelpunkt der Welt!“, aber auch „Du hast recht von Gott geredet! Rede, klage, bete weiter, als ob du der Mittelpunkt der Welt seist!

 

III.

Ich rede heute über den Wochenspruch: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Der Sonntag Invokavit ist der alte Zahltag der bäuerlichen Welt (Quatember-Sonntag). Auch die Pfarrer haben da großreinegemacht. Der erste Sonntag der Fastenzeit war der Tag der Beschäftigung mit dem Bösen und damit auch der Gerichtstag für das Schlechte in Glauben und Kultur. Wir haben im Evangelium gehört, wie listenreich, auch mit Gottesworten, der Teufel agiert, um Jesus auf seine Seite zu ziehen. In der Versuchungsgeschichte zeigt Jesus, wie man die Werke des Teufels zerstört. Dies ist der Zusammenhang unseres Wochenspruchs:

Kinder, lasst euch von niemandem verführen! Wer die Gerechtigkeit tut, der ist gerecht, wie auch jener gerecht ist. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen; denn er ist aus Gott geboren. Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind: Wer die Gerechtigkeit nicht tut, der ist nicht von Gott, und auch, wer seinen Bruder nicht liebhat. [1. Johannes 3, 7-10]

Hier geht es tatsächlich um das richtige Handeln. Christus hat die Macht des Teufels gebrochen. Also ist seine Macht, uns zum falschen Handeln zu verführen, nicht am Ende, aber entscheidend geschwächt. Das Bewusstsein „aus Gott geboren“ zu sein, ist die Gegenmacht. Was heißt das? Ich will ein Beispiel aus der Welt Luthers erzählen.

 

IV.

Im Oktober 1527 entstand anlässlich einer Anfrage der Breslauer Gemeinde Luthers einflussreiche Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“. Die Pest hatte im Frühjahr des Jahres Wittenberg erreicht. Es waren nicht die ganz schrecklichen Seuchenjahre wie im hohen Mittelalter, die ganze Landstriche entvölkerten. Es war ein Ausläufer der Seuche und die Zahlen, die Luther hört (und seinen Freunden schreibt), waren nicht dramatisch. Heute 12, morgen 19. Aber die Panik hatte die Wittenberger ergriffen, weil sie die Erinnerung an die Pest noch in den Köpfen und Leibern hatten. So flohen viele vor der Pest aus der Stadt.

Dazu kam, dass durch die Auflösung der Klöster viele Stätten fehlten, wo man Kranke aufgenommen und gepflegt hatte. Luther nahm selbst Pestkranke bei sich im Haushalt auf. Er suchte das Wittenberger Hospital zu stärker und eine – wie man heute sagen würde – neue Infrastruktur aufzubauen. Er unterstützte die Medizin und Hygiene-Vorschriften, setzte sich persönlich dafür ein, dass der Kirchhof, der mitten in der Stadt war, aus Gründen des Infektionsschutzes außerhalb der Stadt neu angelegt wurde.

In seiner Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“ sagt er, die Krankheit sei keine Strafe Gottes, sondern komme vom Teufel. Er versuche die Stadt der Reformation mit seiner Universität zu attackieren. Der Umgang mit der Pest sei deshalb eine Bewährungsprobe für den neuen Glauben. Luther ist überzeugt: Gott wirkt in der Geschichte. Es ist aber verborgen, wo und wie genau. Deshalb gebe es im Glauben verschiedene Interpretationen und verschiedene Reaktionsmöglichkeiten seien legitim. Es gebe Schwache und Starke, fliehen sei möglich, durchaus auch eine christliche Haltung und nicht verwerflich. Die Starken aber würden bleiben. Das betonte er, weil er sich über das Fortbestehen der organisatorischen Strukturen Gedanken machte, weshalb er forderte, dass Amtspersonen, Priester und Angehörige zur Pflege der Kranken zum Bleiben verpflichtet seien.

Zwar fordert der Glauben keinen Heroismus – Luther verurteilt die Menschen, die aus der Stadt fliehen nicht -, aber er sagt, es geht darum, sich den Angriffen des Teufels zu widersetzen. Er will kein Chaos in der Stadt, er will nicht, dass die Infrastruktur zusammenbricht. Er will nicht, dass Wittenberg fällt. Der Teufel versucht die Stadt zum Fehlverhalten zu bringen. Vernünftig zu bleiben, die Hoffnung zu behalten, den Tod nicht zu fürchten, auf Gott zu vertrauen, dass er wirkt in der Welt. Das ist die Gegenstrategie.

Grandios finde ich es immer, wie Luther die weltpraktischen Fragen, hier Hygiene und Medizin und die Fragen des Glaubens nicht gegeneinander ausspielt, obwohl er sie ja gut unterscheidet. Er nimmt Pestkranke in sein Haus, votiert gegen den Friedhof mitten in der Stadt, versucht die Gesundheitsinfrastruktur am Laufen zu halten, aber verzichtet trotzdem nicht darauf, die Situation auch als Glaubensprobe anzusprechen.

Es gibt keine billigen theologischen Angebote wie „Gott straft uns“ oder „Gott prüft uns“ (und wenn wir bestehen, werden wir belohnt). Aber er sieht dennoch die Lage als eine Bewährungsprobe. Der Teufel wird von ihm einerseits beim Namen genannt, aber andererseits spricht er mehr über ein teuflisches Prinzip. Das Durcheinanderbringen von Glauben und vernünftiger Lebenspraxis zum Beispiel. „Wer glaubt, steckt sich nicht an! Gott bewahrt ihn“, wäre zum Beispiel eine teuflische Anfechtung. „Wer glaubt, wir leben!“ Das sagt er nicht. „Wir können alle sterben“, ist ja geradezu der Grundsatz seiner Schrift „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“. Aber es geht dennoch darum, ob man angesichts des Todes mutig und anständig bleibt, oder ob man hinterhältige Verdrehungen und listige Kautelen ins Spiel bringt. Mit denen – siehe die Geschichte von der Versuchung Jesu – arbeitet der Teufel.

 

IV.

Möglicherweise ist das die Antwort auf die Frage, was Glaube und Corona miteinander zu tun haben. Wir versuchen kluge lebenspraktische Entscheidungen zu treffen und sehen die Situation dennoch als eine Bewährungsprobe im Glauben. Unerschrocken und mit der Gewissheit, aus Gott geboren zu sein, vermeiden wir ängstliche und panische Kurzschlüsse, wir denunzieren die Demokratie nicht als Diktatur. Wir bleiben im Streit bei guten Gründen und geraten nicht in Strukturen, die sich gegenseitig die Aufrichtigkeit absprechen. Wir sehen harte Maßnahmen als begründungspflichtig, aber auch als begründbar an. Wir streiten um den richtigen Infektionsschutz, aber wir sind uns einig, dass es einen Infektionsschutz geben muss.

Und darüber hinaus wissen wir, dass wir leben oder sterben können, dass wir krank werden und überleben können, dass wir Gott unser Leiden vorwerfen können, aber auch seinen Schutz und seine Rettung erflehen können. Dass uns eine Kraft zuwachsen kann, wenn wir im Glauben fest stehen und uns bewusst bleiben, dass wir aus Gott geboren sind.

 

Gut zu lesen und Quellen meiner Predigt:

– Luther, Martin. „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“. In WA 23, 338-372 oder  in: Ausgewählte Schriften Bornkamm, Karin/Ebeling, Gerhard  (Hg.). Bd. 2: Erneuerung von Frömmigkeit und Theologie. Frankfurt/M., 1983, S. 225-250.

– Preß, Michael. „»Ob man vor dem Sterben fliehen möge«. Gedanken zur Corona-Krise mit Hilfe eines Arguments von Martin Luther“. In Deutsches Pfarrerblatt 5/2020.

– Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. „Luther, Corona und die Pest“. https://www.martinluther.de/de/aktuelles-und-veranstaltungen/luther-corona-die-pest. Eingestellt am 28. März 2020.

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).

Frank Hiddemann
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