Predigt zur Christvesper 2019

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Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen.

 

  1. Der Stern zu Graefenhainichen

Ein Komet zieht über den Himmel des Jahres 1607.

Sein Schweif ängstigt die Menschen.

In den Sternenschweif weben Menschen und ihre Ängste, die Zeichen des beginnenden Krieges hinein.

Es ist ungewöhnlich kalt im Ackerstädtchen Gräfenhainichen,

als der Familie Gerhardt am 12. März des Jahres 1607

ein Sohn geboren wurde, den die Eltern Paul nannten.

Das Klima in Europa war abgekühlt.

Die Meteorologen beschrieben das als „Kleine Eiszeit“.

Harte Winter waren die Regel – und Ernteausfälle.

Auch die politischen Zeichen verheißen nichts Gutes.

Der Kaiser vertreibt die Protestanten im Süden des Reiches aus Regensburg.

Nach und nach zündet eine Eskalationsstufe die nächste.

Und ein Jahr nach dem hundertsten Jubiläum des Wittenberger Thesenanschlags treten im Jahr 1618 katholische und protestantische Mächte in den Krieg ein, der dreißig Jahre dauern wird.

Paul Gerhardt ist elf, und dieser Krieg spannt sich über sein Leben.

Erst hundert Jahre später wird der englische Physiker Edmond Halley entdecken,

dass es sich bei der Angst auslösenden Sternenschweif um einen Kometen handelt,

der ungefähr alle 76 Jahre wiederkehrt.

Zuletzt passierte er im Jahr 1986 die Erde.

Seine nächste Wiederkehr wird für das Jahr 2061 erwartet.

Rückblickend wurde im Laufe der Zeit erkannt,

dass der Komet seit dem Jahr 240 vor Christi Geburt

schon mindestens fünfundzwanzig Mal beobachtet worden war.

Der italienischen Maler Giotto sah den Kometen im Jahr 1301

malte ihn in seinem Fresko „Die Anbetung der Könige“ als Stern von Bethlehem .

Paul Gerhardt geriet tief in diese Todesschatten hinein.

Und dennoch sah er sein Leben nicht davon geprägt.

Für ihn blieb Christus die wärmende Sonne. [1]

 

  1. Ein „O“ vor der Krippe

Und in unserem Lied

steht Paul Gerhardt selbst an der Krippe.

In seinem Geburtsjahr hatte derselbe

Halleysche Komet die Erde gegrüßt.

„O Jesu!“, sagt er.

Ein Laut, der noch nicht Sprache ist.

Aus dem erst Sprache wird.

Immer wieder taucht dieses „O“ in dem Lied auf

und zeigt dass diese Verse dem Schweigen

oder besser dem Seufzen abgerungen sind.

„O Jesus!“

Mehr kann man nicht sagen.

Nicht so sehr ein Staunen,

das vielleicht auch,

vor allem ein Laut, der anzeigt,

dass einer am Ziel ist.

Ich steh an deiner Krippen hier,

o Jesu, du mein Leben;

ich komme, bring und schenke dir,

was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin

und laß dir’s wohlgefallen.

Darauf kommte es ja an.

An Weihnachten, aber wahrscheinlich auch überhaupt im Leben, dass wir den Weg zur Krippe finden.

Und dass wir in diesem Moment, alles loslassen können.

Alles verdanken wir Gott, der sich uns nähert im Geheimnis dieses Kindes.

Alles verdanken wir Gott.

Alles können wir geben.

Weil uns nicht die Dinge ausmachen,

die wir erworben haben, sondern die, die wir geschenkt bekommen.

  1. Ethik vor der Krippe

Und selbst dem Kind zu schenken.

Der langjährige Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber,

der im Hauptberuf Ethik-Professor war,

also nachdachte, was wir als Christen tun,

versteht das auf seine Weise, wie wir es alle tun.

Was ist unser Bestes, was wir schenken?

Wolfgang Huber erinnert sich,

wie er als Kind diese Verse hörte:

„Ich habe als Kind lange gebraucht, um diese Zeilen zu verstehen.

Ich hatte verstanden, dass das Christkind Geschenke bringt,

ja ich hatte zu ahnen begonnen, dass das Christuskind Gottes großes Geschenk an uns ist.

Aber dass wir ihm Gaben darbringen – wie die Heiligen Drei Könige – ,

aber eben nicht sichtbare wie Gold, Weihrauch und Myrrhe, sondern unsichtbare,

dieser Gedanke brauchte Zeit, um in mich einzudringen.

Aber es ist wahr:

Welche besseren Gaben könnten wir dem Kind in der Krippe darbringen

als die, die Gott uns selbst anvertraut,

die Kräfte, mit denen er uns begabt

– eben ‘Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut’.

Das ist keine idyllische Vorstellung.

Man muss sich ja nur ausmalen,

was das bedeutet,

wenn Menschen ihr Bestes, ihr Innerstes,

die stärksten Kräfte ihrer Person

Gott zur Verfügung stellen

– und damit doch: von Gott in den Dienst nehmen lassen,

wo er diese Kräfte haben will.

Was würde es bedeuten,

wenn Menschen so zu handeln begönnen?

Nicht mehr der Eigennutz würde herrschen,

sondern die Liebe zum Nächsten.

Nicht mehr Misstrauen wäre bestimmend,

sondern die Bereitschaft,

Vertrauen zu erneuern.

Die Welt sieht anders aus,

wo Menschen ihr Bestes

dem Kind in der Krippe zur Verfügung stellen.“[2]

  1. Mystik vor der Krippe

Was wir dem Kind zur Verfügung stellen.

Da sind wir noch ganz bei uns.

„Wir müssen liefern!“

ist der Gedanke, der Ethikprofessoren

und wohl auch Kaufleuten einleuchtet.

Aber in diesen Gedanken

werden wir durch die nächste Strophe gestört.

Da geht es wie durch eine Falltüre

in die tiefe Verrgangenheit.

Und wir erkennen,

bevor wir da waren, war Gott da.

Und bevor wir da waren,

dachte Gott bereits an uns.

Und er dachte daran,

wie er unser werden könne:

2) Da ich noch nicht geboren war,

da bist du mir geboren

und hast mich dir zu eigen gar,

eh ich dich kannt, erkoren.

Eh ich durch deine Hand gemacht,

da hast du schon bei dir bedacht,

wie du mein wolltest werden.

Aus diesen Gedanken Gottes,

in denen er vor aller Zeit

und wahrscheinlich in tiefer Dunkelheit

über uns nachsinnt,

wechselt das Lied in einem krassen Schnitt

in unsere tiefste Dunkelheit.

Eine Situation, die Paul Gerhardt „tiefe Todesnacht“ nennt

und die er schrecklich häufig

in seinem Leben erleben musste.

Tod fast aller seiner Kinder,

auch seiner Frau.

In diese Todesnacht scheint Gott hinein,

wie eine Sonne,

die in einer Gefängniszelle

weit oben, gerade noch sichtbar ist.

3) Ich lag in tiefster Todesnacht,

du warest meine Sonne,

die Sonne, die mir zugebracht

Licht, Leben, Freud und Wonne.

O Sonne, die das werte Licht

des Glaubens in mir zugericht’,

wie schön sind deine Strahlen!

Und dann kommt der Blick zurück.

Zurück zu Gott, der uns ansieht.

Aber dieser Blick zurück in Gottes Angesicht,

aus der Dunkelheit hinaus ins Licht,

ist eben der Blick auf die Krippe.

4) Ich sehe dich mit Freuden an

und kann mich nicht satt sehen;

und weil ich nun nichts weiter kann,

bleib ich anbetend stehen.

O daß mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

daß ich dich möchte fassen!

Und in diesem Blick auf die Krippe,

freilich dem Blick aus der Todesfurcht heraus,

wird uns klar,

was für ein kosmischer Anblick das ist.

Der Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud

war Jude, wenn auch nicht religiös

und er fand in der Seele des Menschen

keine religiöse Funktion.

Eins aber hat er gefunden,

der sein Leben

mit der Tiefenschau menschlicher Seelen verbrachte:

Er fand das ozeanische Gefühl,

das Gefühl tiefer Verbundenheit mit allem.

Und er hätte es aus diesem Lied haben können.

O daß mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

daß ich dich möchte fassen!

Dass wir uns unserer inneren Größe bewusst werden

oder dass wir wenigstens die Sehnsucht danach entdecken,

das kommt von dem Blick auf das Kind,

dem Geheimnis Gottes, das sich uns nähert.

  1. Ästhetik vor der Krippe

Und nun kommen zwei Strophen,

die gerne weggelassen werden.

Paul Gerhardts ursprüngliche 15 Strophen

stehen in keinem der gängigen Gesangbücher.

Wir Evangelischen bringen es immerhin auf neun.

Und die beiden, die jetzt kommen,

sind zum Glück bei uns drin.

Sie werden aber oft weggelassen.

Auch in unserem Liederheft

sind sie dezent gestrichen worden,

Denn wir haben uns so an den lauschigen Stall

mit seinem lieblichen Strohbett

und den Strohsternen gewöhnt,

das wir davon gar nicht mehr lassen können.

Paul Gerhardt aber kennt die Armut besser als wir,

der weiß, dass sich gerade die Armut nach Schönheit sehnt:

6) O daß doch so ein lieber Stern

soll in der Krippen liegen!

Für edle Kinder großer Herrn

gehören güldne Wiegen.

Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,

Samt, Seide, Purpur wären recht,

dies Kindlein drauf zu legen!

 

7) Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,

ich will mir Blumen holen,

daß meines Heilands Lager sei

auf lieblichen Violen;

mit Rosen, Nelken, Rosmarin

aus schönen Gärten will ich ihn

von oben her bestreuen.

Der Beter, der vor der Krippe steht,

will etwas tun,

um diesem ozeanischen Gefühl standzuhalten

Er will das Gefühl leer zu sei

und darin neu zu werden mit einer Tätigkeit füllen.

Vom inneren Abgrund

zum frommen Handeln sozusagen.

aber dieses Handeln ist – erst einmal – ganz anders,

als es sich zum Beispiel der Ethik-Professor vorstellt.

Es ist ein ästhetisches Handeln.

Der Beter will Blumen streuen,

Schönheit hervorbringen.

Wir tun das durch unsere Christvesper durch die Musik

und durch die Schönheit des Kirchenschmuckes.

Es gibt ein altes Wort dafür.

Es heißt „Putzen“.

Als wir hier in der Kirche

mit den Schülern der Grundschule Otto Dix

Kirche im Advent machten,

das gab es ein Spiel,

das wir mit den Kindern veranstalteten.

Alle Sterne wollten der Stern zu Bethehem werden.

Und bevor sie sich darum stritten,

welche Eigenschaft dafür wohl die geeignetste sei,

kam dieser Satz:

„Und die Sterne putzen sich.“

Wenn man diese –

am Ende vielleicht zwecklose –

Tätigkeit auslässt,

muss man sich nicht wundern,

dass es nicht recht Weihnachten werden will.

Dass der eigentliche Zweck von Weihnachten,

sich nicht einstellen will.

Der wird in den letzten beiden Strophen genannt,

die wir jetzt singen:

8) Du fragest nicht nach Lust der Welt

noch nach des Leibes Freuden;

du hast dich bei uns eingestellt,

an unsrer Statt zu leiden,

suchst meiner Seele Herrlichkeit

durch Elend und Armseligkeit;

das will ich dir nicht wehren.

 

9) Eins aber, hoff ich, wirst du mir,

mein Heiland, nicht versagen:

daß ich dich möge für und für

in, bei und an mir tragen.

So laß mich doch dein Kripplein sein;

komm, komm und lege bei mir ein

dich und all deine Freuden.

Das ist dann das Ende und der letzte Zweck.

Ich selber werde eine Krippe,

ein Christusträger,

ein Christophorus.

Ich selber gehe mit ihm umher

Und dann geht es vielleicht endlich darum,

was wir tun sollen.

Aber darüber müssen wir nicht nachdenken

Denn ein Christusträger

sieht was zu tun ist,

ohne dass er nachdenken muss.

Amen.

Und der Friede Gottes, der weiter ist als die Vernunft der Menschen, behalte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

[1] Vgl. Wolfgang Hubers Predigt zur Eröffnung des Gerhardt-Jahres 2007: https://www.ekd.de/070107_huber_paul_gerhardt.htm. Entnommen am 21. Dezember 2019.

[2] https://www.ekd.de/070107_huber_paul_gerhardt.htm. Entnommen am 21. Dezember 2019.

Frank Hiddemann
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Seit 2015 Pfarrer in St. Marien und seit 2018 Leiter der Ökumenischen Akademie Gera / Altenburg (https://oek-akademie-gera.de/).

Frank Hiddemann
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